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Social Software – Kommt die New Economy zurück?

Autor: Thorsten Wichmann, Berlecon Research

Seit einigen Monaten ist Social Software in den USA ein großes Thema mit allen Anzeichen eines schon fortgeschrittenen Hypes: In Startups werden Millionenbeträge investiert, die Neuankündigungen kommen beinahe im Wochentakt, aber wie sich mit Social Software in Zukunft Geld verdienen lassen soll, ist noch weitgehend unklar. Trotzdem ist jeder von dem Thema fasziniert und so drängen sich zwangsläufig Parallelen zu den späten Neunzigern auf.

In Deutschland ist die Lage im Vergleich dazu noch relativ ruhig, aber das erste Anzeichen eines kommenden Hypes ist schon da: Die Samwer-Brüder haben den Markt bereits betreten. Die drei Brüder hatten Ende der 90er nach dem Vorbild von eBay den Online-Marktplatz Alando in Deutschland gegründet und nach wenigen Monaten an eBay verkauft. Im vergangenen Herbst ging ihr neuer Dienst myfriends an den Start, der ebenfalls an amerikanische Vorbilder wie Friendster erinnert.

Mittlerweile hört man zunehmend alte Bekannte aus New-Economy-Zeiten über Gründungsideen in diesem Bereich reden. Erste Erfahrungen sammeln sie bereits. Wer etwa im Networking-Dienst Open Business Club (openBC) nach alten Bekannten aus der New-Economy-Zeit sucht, wird sie dort fast alle wieder finden.

Aber mal von Anfang: Was ist eigentlich „Social Software“? Der Begriff ist noch neu und deswegen nicht genau festgelegt. Meistens werden darunter IT-Lösungen zusammengefasst, die beim Knüpfen sozialer Netze Unterstützung leisten, den Austausch innerhalb sozialer Netze unterstützen oder Daten über diesen Austausch auswerten. Social Software im engeren  Sinne umfasst Internetdienste, in denen soziale Netze geknüpft werden können, Tools zur Zusammenarbeit über das Internet wie Weblogs und Wikis sowie spezielle Datamining-Software. Wer den Begriff weit fasst, zählt auch Kontaktbörsen, Instant Messenger oder sogar SMS mit dazu.

Den größten Hype in den USA verursachen derzeit Social Networks als Internetdienste. Friendster, Tribe.Net, LinkedIn, Ryze oder Orkut zählen zu den Bekanntesten. Die zahlreichen Neugründungen heißen mittlerweile nur noch YASN – Yet Another Social Network. Für diese Dienste kann man sich entweder selbst registrieren oder muss zur Teilnahme eingeladen werden. Innerhalb der Dienste trägt man ein, welche der anderen Mitglieder man kennt und bildet so sein soziales Netz ab.

Wer dann einen neuen Job sucht, kann recherchieren, ob er jemanden kennt, der in der Traumfirma einen Kontakt herstellen kann. Bei der Suche nach einem Partner, einem neuen Rechtsanwalt oder einem Entre zu einem neuen Kunden funktioniert das Prinzip ähnlich – die einzelnen Dienste haben unterschiedliche Schwerpunkte. Ausgefeilte Suchmechanismen und Zusatzdienste machen es noch einfacher, das soziale Netz zu nutzen.

Auch in Deutschland sind bereits die ersten dieser Netze am Start. Der Open Business Club oder CAPup sind eher auf Geschäftskontakte fokussiert, New-in-Town, myfriends.de oder Friendity eher auf private Beziehungen.

Derzeit finanzieren sich die Dienste – außer über Venture Capital – durch Bannerwerbung, Mitgliedsbeiträge für die Freischaltung der vollen Funktionalität oder für die Teilnahme an Offline-Events. Ob diese Geschäftsmodelle langfristig tragen ist noch unklar und in den USA zeigen sich schon die ersten Ermüdungserscheinungen. Viele Nutzer wissen nach der ersten Euphorie nicht richtig, was sie jetzt mit dem Dienst anfangen sollen. Oder sie fühlen sich durch die zahlreichen E-Mails mit Einladungen zur Teilnahme an einem Social Network oder mit der Bitte um Bestätigung einer Beziehung bereits belästigt. Ob die Betreiber der Dienste diesen Graben überwinden können, bleibt abzuwarten.

Eine andere Art von Social Software sind Programme zur Erstellung von Weblogs oder Wikis. Weblogs oder Blogs, mit denen man auf einfache Weise tagebuchartig im Internet publizieren kann, werden hierzulande oft despektierlich als Tools für den Amateurjournalismus abgetan. Dabei erreichen gute Blogs mehr Leser als manche respektable Offline-Zeitschrift. Und für Howard Dean war sein Weblog „Blog for America“ das Hauptinstrument für den Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten.

Blogs sind oft miteinander verlinkt und vernetzt, so dass sich Debatten über mehrere Weblogs erstrecken und die dahinter liegenden Netzwerke offen legen. Sie werden auch zunehmend zur Gestaltung des Informationsflusses in Unternehmen oder als Marketing-Tool eingesetzt.

Mit Wikis dagegen können mehrere Personen über das Internet gemeinsam an Web-Dokumenten arbeiten. Alle Änderungen können dabei jederzeit nachverfolgt werden. Wikis bilden mittlerweile die Basis für das Projektmanagement und die Dokumentation in größeren Open-Source-Projekten, z.B. bei UserLinux oder bei der Open Software Alliance. Auch Unternehmen wie British Telecom, Disney oder SAP setzen Wikis ein. Softwareanbieter wie Socialtext setzen auf diesen Markt und profilieren sich mit Enterprise Social Software, die speziell auf Unternehmensbedürfnisse zugeschnitten ist.

Schließlich existiert noch eine dritte Art von Social Software. Spezielle Data-Mining-Programme, die etwa die E-Mail-Korrespondenz von Unternehmen auswerten, können soziale Netze innerhalb von Unternehmen oder zwischen Unternehmen und Kunden sichtbar machen. Gerade in großen Unternehmen sind die informellen Kanäle oft wichtiger als das Organigramm. Es laufen nicht immer alle Informationen beim Abteilungsleiter zusammen und es ist auch nicht immer die offiziell benannte Person für den Einkauf bestimmter Produkte oder Dienstleistungen verantwortlich. Die relevanten Vorentscheidungen werden oft von jemand anderem getroffen. Unternehmen wie Spoke Software oder Visible Path machen die wahren Kontenpunkte in Beziehungsgeflechten sichtbar und helfen so bei der effizienteren Gestaltung der Unternehmenskommunikation oder beim Verkauf.

Auch wenn der Bereich der Social Software bereits Anzeichen einer Hype-Blase aufweist, dürfte sich dieser Markt dennoch interessant entwickeln. Schließlich läuft vieles im Leben immer wieder darauf hinaus, wer wen kennt und mit wem spricht (oder e-mailt). Berlecon wird deshalb das Thema Social Software – und besonders den Markt in Deutschland –die nächste Zeit im Schwerpunkt „Knowledge Support“ weiter verfolgen.

Copyright  2004, Berlecon Research GmbH, http:// www.berlecon.de