78 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren lesen oder schreiben mindestens einmal pro Woche E-Mails – Tendenz steigend. Trotzdem hält sich hartnäckig die These, E-Mail sei ein Auslaufmodell.
1. Die Zahlen widerlegen den Mythos vom Sterben der E-Mail
Die ARD/ZDF-Medienstudie 2025 räumt mit der Wahrnehmung auf, E-Mail sei ein Auslaufkanal. 78 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren lesen oder schreiben mindestens wöchentlich E-Mails – 2022 waren es 72 Prozent. Damit liegt E-Mail direkt hinter Suchmaschinen (82 Prozent) und deutlich vor Anwendungen wie Online-Karten (48 Prozent).
Auffällig: Auch die 14- bis 29-Jährigen nutzen E-Mail mit 82 Prozent intensiv, praktisch auf Augenhöhe mit den 30- bis 49-Jährigen (91 Prozent). E-Mail ist damit keine Generationenfrage mehr, sondern Infrastruktur – unabhängig vom Alter. Auch die Newsletter-Lesequote wächst: von 32 Prozent (2002) auf 40 Prozent (2025).
2. Was sich wirklich ändert: KI übernimmt die reine Informationsfunktion
Was schrumpft, ist nicht die E-Mail-Nutzung, sondern die Funktion des klassischen Info-Newsletters. KI-Assistenten wie ChatGPT oder Google AI Overviews liefern kontextbezogene Antworten, ohne dass ein Klick auf eine Website oder ein Newsletter nötig wäre. Zero-Click-Search verschiebt die gesamte Logik: Wer nur Information verteilt, konkurriert direkt mit einer Antwortmaschine, die schneller, kürzer und ohne Werbeabsicht liefert.
Noch weiter gedacht: KI-Agenten fangen an, Mailings selbst zu abonnieren, zu filtern und zu priorisieren, bevor ein Mensch eine E-Mail überhaupt zu Gesicht bekommt. Der Empfänger ist damit nicht mehr zwangsläufig ein Mensch – sondern zunehmend ein Filter davor. Das verändert, was in einer E-Mail eigentlich noch überzeugen muss.
3. Der reine Info-Newsletter verliert an Wirkung
Diese Verschiebung zeigt sich auch in den Kennzahlen. Der Inxmail E-Mail-Marketing-Benchmark 2025/2026 registriert eine sinkende effektive Klickrate – also das Verhältnis von Klicks zu Öffnungen. Newsletter werden zwar noch geöffnet, aber führen seltener als früher zu einer echten Handlung. Die absolit-Studie zu den E-Mail-Marketing-Benchmarks 2026 hält fest, dass der Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Unternehmen nicht mehr an technischen Basics wie Zustallbarkeit hängt, sondern daran, wie konsequent aus einer geöffneten Mail auch Traffic und neue Leads werden.
Damit bestätigt sich, was sich in der Praxis längst abzeichnet: Ein Newsletter, der nur informiert, konkurriert mit einem Werkzeug, das das schneller kann. Bleibt ein Newsletter bei reiner Information stehen, verliert er im Zweifel gegen die KI in der eigenen Tasche des Empfängers.
4. Trigger- und Transaktionsmails sind die eigentlichen Gewinner
Während der klassische Rundbrief schwächelt, performen anlassbezogene E-Mails deutlich stärker. Trigger-Mails – ausgelöst durch eine konkrete Handlung wie Kauf, Warenkorbabbruch oder Vertragsablauf – erreichen Öffnungsraten von bis zu 80 Prozent, weit über dem Durchschnitt regulärer Marketing-Mails. Bei Transaktionsmails wie Bestellbestätigungen liegt die Klickrate bei rund 12,5 Prozent gegenüber 3,1 Prozent bei normalen Werbemails.
Der Unterschied liegt nicht am Format, sondern am Zeitpunkt: Trigger-Mails treffen einen Moment, in dem der Empfänger die Information ohnehin sucht. Genau das kann kein generischer Rundversand leisten, und genau das kann eine KI-Antwort ohne Zugriff auf die individuellen Kaufdaten des Kunden auch nicht ersetzen.
5. E-Mail bleibt der einzige direkte, eigene Draht zum Kunden
Der strategische Kern bleibt unabhängig von KI-Disruption bestehen: E-Mail ist neben der Post der einzige Kanal, über den ein Unternehmen Kunden direkt erreicht, ohne einen Algorithmus, eine Plattform oder eine KI dazwischen. Eine Studie von AdRoll zeigt entsprechend, dass 65 Prozent der Marketingverantwortlichen in Deutschland 2026 verstärkt in E-Mail-Marketing investieren wollen – gerade weil Social-Media-Reichweite unberechenbarer wird und organische Websiteaufrufe durch KI-Suchen sinken.
Für den Nutzer gilt das Gleiche in Spiegelform: Die E-Mail-Adresse ist der Generalschlüssel zu praktisch jedem Konto, jeder App, jedem Social-Media-Kanal. Die eigene E-Mail-Adresse kann durch keinen anderer Kanal ersetzen werden und wird zwangsläufig regelmäßig abgerufen.
Damit dieser Zugang wirklich alle Kunden erreicht, hängt viel an einem oft unterschätzten Detail: der Barrierefreiheit der E-Mails selbst. Die absolit-Studie zu den E-Mail-Marketing-Benchmarks 2026 zeigt hier die größte Schwankungsbreite aller untersuchten Kriterien – einzelne Unternehmen erreichen branchenübergreifend die volle Punktzahl, während der Durchschnitt deutlich zurückbleibt. Der direkte Draht zum Kunden nützt wenig, wenn ein Teil der Empfänger:innen ihn technisch gar nicht nutzen kann.
E-Mail wird nicht durch KI verdrängt. Sie verliert ihre Rolle als reiner Informationskanal und gewinnt ihre Rolle als adressierbarer, personalisierter und eigentumsähnlicher Kontaktpunkt zurück. Wer 2026 noch auf den klassischen Info-Newsletter setzt, konkurriert mit einer Antwortmaschine. Wer auf Trigger, Transaktion und individuelles Kaufverhalten setzt, nutzt den einzigen Kanal, den weder Algorithmus noch KI-Agent besetzen kann.
Quellen: ARD/ZDF-Medienstudie 2025; Inxmail E-Mail-Marketing-Benchmark 2025/2026 und Inxmail Trendanalyse 2026; Statista/Experian (Transaktionsmails vs. Werbemails); Optimizely (Trigger-Mail-Öffnungsraten); AdRoll Marketing- und Werbetrends 2026; absolit E-Mail-Marketing Benchmarks 2026.
